Jürgen Moormann
Professor for Bank and Process Management
Concardis Professor for Bank and Process Management at Frankfurt School of Finance & Management....
Management

Digitalisierung verändert die Prozesse

April 30, 2015
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Die Digitalisierung ist das große Thema des Jahres. Praktisch alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche werden von der Digitalisierung durchdrungen. Ganz besonders ist davon die Finanzbranche betroffen. Aber bei allen damit verbundenen Problemen eröffnet die Digitalisierung völlig neue und vielversprechende Möglichkeiten für die Branche – und den Schritt von der traditionellen Prozessverbesserung hin zu der immer wichtiger werdenden Prozessinnovation.

Eine Reihe von Branchen ist aufgrund der disruptiven Kraft der Digitalisierung bereits massiv verändert worden (Versandhandel, Reisegeschäft, Musik-, Filmindustrie etc.). Andere Branchen stehen davor oder befinden sich im Transformationsprozess (stationärer Handel, Automobil-, Bekleidungsindustrie etc.).

Mittendrin in dieser Digitalisierungswelle befindet sich die Finanzbranche. Hier sind die Auswirkungen enorm. Die Digitalisierung in Verbindung mit der schnellen Veränderung des Kundenverhaltens führt zum Zerfall von bisher als unverrückbar verstandenen Strukturen. Es verändern sich nicht nur die Vertriebswege und die Produkte, sondern komplette Geschäftsmodelle – und damit die dahinterliegenden Geschäftsprozesse.

Deutsche Banken sind zu langsam

Allerdings findet die Digitalisierung hierzulande viel zu langsam statt. Kreditinstitute wie BBVA und Santander sind den deutschen Instituten weit voraus. Dieser Vorsprung wird sich mittelfristig in größerer Effektivität und Effizienz auswirken. Auch die polnische mBank, Tochterunternehmen der Commerzbank, zählt zu den technischen Frontrunnern in Europa. Forrester Research nennt die mBank eine der international revolutionärsten Banken.

Der Druck auf die etablierten Institute steigt. Schließlich werden sie auch von anderer Seite, den FinTechs, angegriffen. Diese basieren ihr Geschäftsmodell vollständig auf der Digitalisierung und brechen immer mehr Teile aus der traditionellen bankbetrieblichen Wertschöpfungskette heraus. Und mit dem Blick auf neue Anbieter im Mobile-Payment-Bereich (z.B. Apple, Google, Facebook, PayPal, AliPay) müssen diese FinTechs keineswegs klein bleiben …

Digitalisierung bedeutet jedoch nicht einfach Automatisierung von bereits bestehenden Prozessen. Der Einfluss ist viel umfassender und rüttelt an den Grundfesten des bisherigen Bankgeschäfts. Es geht darum, wie die Digitalisierung Prozesse ermöglicht, die vorher gar nicht vorhanden oder gänzlich unbekannt waren.

Die Zukunft liegt in der Prozessinnovation

In den bisherigen Projekten der Bankbranche lag der Fokus fast immer auf der Prozessverbesserung (Geschäftsprozessoptimierung, Six Sigma, Lean Management usw.). Die kontinuierliche Verbesserung von Prozessen ist auch weiterhin richtig und notwendig. Sie sichert aber nicht die Wettbewerbsfähigkeit.

Vielmehr ist zu fragen, ob ein derzeit existierender Prozess überhaupt noch benötigt wird oder sich das Geschäft viel massiver verändert. Die Digitalisierung führt dazu, dass Prozesse entstehen, an die wir heute noch gar nicht denken. Die Kunst wird sein, so früh wie möglich ein Gespür für solche neuen, innovativen Prozesse zu entwickeln und diese schneller als die Wettbewerber zu implementieren.

Insbesondere ändert sich die Art, wie Prozessinnovationen zustande kommen und damit auch der Prozess, wie Innovationen überhaupt entstehen. Hier können Banken von Start-up-Unternehmen lernen, die mit einer ganz anderen Denkweise die Chancen der Digitalisierung begreifen und umsetzen. Ansatzpunkte zeigt z.B. Eric Ries mit seinem Ansatz „Lean Start-up“.

Viele offene Fragen

Der Weg zur Digitalisierung der Bankprozesse und der Integration der Banken in die digitale Welt der Kunden wird lang sein. In diesem Kontext ist eine Vielzahl von Fragen zu beantworten, u.a.:

  • Was bedeutet Digitalisierung genau? Wo entstehen neue Möglichkeiten für die Prozessgestaltung?
  • Wie kann die Prozessinnovation systematisiert werden? Wie kann der Einfluss der Digitalisierung erfasst und genutzt werden?
  • Gibt es Best Practices der Digitalisierung von Prozessen – in der Finanzbranche oder in anderen Branchen?
  • Wie funktioniert die Integration der digitalen Strukturen in die bestehenden IT-Infrastrukturen der Banken?
  • Welche Rolle spielt der Kunde? Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf kundenorientierte Prozessinnovationen?
  • Wer ist für die Digitalisierung zuständig (Programmentwicklung, Rollen, Verankerung der Digitalisierung)?
  • Wie ist der Vorstand von der Digitalisierung zu überzeugen? Wie kann der Nutzen für das Unternehmen und die Kunden festgestellt werden? Muss eine Digitalisierungskultur geschaffen werden?

Der Umbau von Finanzdienstleistern von analogen zu „digitalen Organisationen“ ist keine Kann-Aufgabe. Es geht vielmehr um das Wie? und das Wie schnell? Das Umdenken in Richtung digitaler, mobiler Bankprozesse muss zügig erfolgen. Trotz vieler weiterer Belastungen (Compliance, Regulierung etc.) gibt es nur den einen Weg – hin zur Prozessinnovation. Diese wird durch die Digitalisierung ermöglicht. Für Unternehmen der Bankbranche ist das Thema daher hochrelevant.

Autor: Prof. Dr. Jürgen Moormann ist Inhaber der ConCardis-Professur für Bank- und Prozessmanagement an der Frankfurt School of Finance & Management. Darüber hinaus leitet er das Forschungscenter ProcessLab der Frankfurt School.

Wie wird die neue Welt aussehen?

Die Konferenz Prozessinnovation durch Digitalisierung bietet spannende Einblicke in die neue Welt des Banking. Insbesondere geht es darum, wie die Digitalisierung ganz neue Möglichkeiten zur Prozessgestaltung eröffnet.

Sichern Sie sich jetzt Ihre Teilnahme! Die Konferenz findet am 11. Juni 2015 in Frankfurt statt und wird zum Treffpunkt für die Banking Community im Bereich des Prozessmanagements. Leitung: Prof. Dr. Jürgen Moormann. Anmeldung im Internet unter www.frankfurt-school-verlag.de

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