{"id":12098,"date":"2014-07-17T16:56:14","date_gmt":"2014-07-17T15:56:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.frankfurt-school.de\/?p=277"},"modified":"2023-11-28T15:36:14","modified_gmt":"2023-11-28T14:36:14","slug":"deutsch-rede-zur-zeugnisverleihung-der-paulskirche-09-05-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/de\/deutsch-rede-zur-zeugnisverleihung-der-paulskirche-09-05-2014\/","title":{"rendered":"Rede zur Zeugnisverleihung in der Paulskirche am 09.05.2014"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Kommilitonen, liebe Eltern, liebe Professoren, liebe Freunde der FS,<\/p>\n<p>und seit dem heutigen Tage auch hoch gesch\u00e4tzte Banker, Betriebswirte, \u00d6konomen, Wirtschaftspr\u00fcfer und Freunde der Weisheit auf Teilzeitbasis,<\/p>\n<p>Ein bekannter deutscher Philosoph hat mal zu mir gesagt: \u201eZiegler, Sie Depp, Sie haben nicht genug Disziplin um nicht in verschachtelten S\u00e4tzen zu schreiben\u201c (Kliemt, 2010ff).<\/p>\n<p>Also gut, dann sag ich es eben mit Herbert Wehner:<\/p>\n<p>\u201eEs gibt eine normative Kraft des Faktischen. Es gibt jedoch keine Fakten ersetzende Kraft des Phraseologischen\u201c \u2013 denken Sie da mal dr\u00fcber nach.<\/p>\n<p>Was unterscheidet uns alle von Martin Luther King, Mahatma Gandhi und dem gro\u00dfen Nelson Mandela? Was unterscheidet uns von diesen gro\u00dfen Idealisten und Freiheitsk\u00e4mpfern, deren Antrieb nicht finanzieller oder karrieristischer Natur war? Na?<\/p>\n<p>Richtig \u2013 nach meinem Kenntnisstand hat kein einziger von Ihnen, bis heute, einen Abschluss der Frankfurt School of Finance &amp; Management. Ja da dachten Sie jetzt kommt die Moralpredigt. Ich bitte Sie \u2013 wer bin ich denn, jetzt und hier eine Moralpredigt zu halten?<\/p>\n<p>Liebe Kommilitonen,<\/p>\n<p>Wir wurden von einigen schon als bester Jahrgang aller Zeiten bezeichnet \u2013 noch nicht von vielen und eigentlich gerade nur von mir, aber jetzt wurde es zumindest einmal gesagt.<\/p>\n<p>Dreieinhalb Jahre Frankfurt School, dass ist die Zeit, da werden die wahren Erfahrungen gemacht \u2013 Dinge die uns unser Leben lang begleiten werden. Stochastik II, Buchf\u00fchrung, Externes Rechnungswesen (nach IFRS und HGB), Evaluationsb\u00f6gen und Wertsch\u00f6pfungsmanagement, Wertsch\u00f6pfungsmanagement liebe Freunde. Ich werde sentimental wenn ich nur dar\u00fcber spreche.<\/p>\n<p>Ich kenne gestandene F\u00fchrungskr\u00e4fte die sich bei Alumni-Treffen nach den guten alten Zeiten zur\u00fccksehnen \u2013 Praktikum, von fr\u00fch bis sp\u00e4t, der Chef hat uns mal wieder sch\u00f6n ignoriert aber wir kommen trotzdem wieder, weil wir Arbeitserfahrung sammeln m\u00fcssen um Arbeitserfahrung sammeln zu d\u00fcrfen. Nebenher Bachelor-Thesis schreiben, Bewerbungen rausschicken, drei Tage die Woche arbeiten oder gleich Vollzeit f\u00fcr drei Monate. Samstags Uni bis Abends um 20.00. Fu\u00dfball verpassen. Wenn wir das nochmal mitmachen d\u00fcrften!<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich glaube ich nicht, dass es nur diese Dinge sind, die unser Leben nachhaltig pr\u00e4gen. Aber mir scheint manchmal, dass ist das woran wir uns erinnern wollen. Oder zumindest ist es das, wovon wir glauben, dass wir uns daran erinnern sollten.<br \/>\nIm Jahre 1929 schrieb Kurt Tucholsky alias Peter Panter in der Vossischen Zeitung:<br \/>\n\u201eWie sch\u00f6n aber m\u00fc\u00dfte es sein, mit gesammelter Kraft und mit der ganzen Macht der Erfahrung zu studieren! Sich auf eine Denkaufgabe zu konzentrieren! Nicht von vorn anzufangen, sondern wirklich fortzufahren; eine Bahn zu befahren und nicht zwanzig; ein Ding zu tun und nicht dreiunddrei\u00dfig. Niemand von uns scheint Zeit zu haben, und doch sollte man sie sich nehmen. Wenige haben dazu das Geld. Und wir laufen nur so schnell, weil sie uns sto\u00dfen, und manche auch, weil sie Angst haben, still zu stehen, aus Furcht, sie k\u00f6nnten in der Rast zusammenklappen.\u201c<\/p>\n<p>Obwohl die Entscheidungen \u00fcber unseren Lebensweg gl\u00fccklicherweise zum gr\u00f6\u00dften Teile in unserer eigenen Hand liegen, scheint mir, dass wir uns doch allzu h\u00e4ufig in der von Tucholsky beschriebenen Situation wiederfinden. Wie h\u00e4ufig standen wir unter Druck weil wir uns sorgen gemacht haben, \u00fcber unseren Durchschnitt, unsere Praktika und am Ende des Tages \u00fcber das, was ich jetzt mal die ausgeglichene, normierte Repr\u00e4sentativit\u00e4t unseres Lebenslaufes nenne. Oder anders \u2013 erf\u00fcllen wir die Erwartungen von da drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Aber wann haben wir wirklich mal Entscheidungen getroffen, von denen wir wussten, da h\u00e4ngt jetzt etwas davon. Wann waren wir mal in Situationen, bei denen wir gemerkt haben, das ver\u00e4ndert mich jetzt und wenn ich hier jetzt aktiv werde ver\u00e4ndere ich auch andere.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re jetzt falsch euch erz\u00e4hlen zu wollen, wann ihr diese Momente hattet, denn an der Frankfurt School wird gelehrt, dass jedes Individuum seine eigenen Pr\u00e4ferenzen hat und ich finde das ja auch toll, aber mich beschleicht trotzdem das Gef\u00fchl, dass diese Momente des Fortschritts, wie sie Tucholsky nennt, im Allgemeinen selten sind, wenn wir dar\u00fcber nachdenken.<\/p>\n<p>Ich bin mir sicher, an der FS hat es nicht gelegen. Denn eigentlich ist unsere Universit\u00e4t der ideale N\u00e4hrboden f\u00fcr die Entwicklung ihrer Studenten. Wenn Sie das mal nicht war, hat die Frankfurt School in meinen dreieinhalb Jahren niemals seri\u00f6s jemand verboten etwas dagegen zu tun \u2013 ganz im Gegenteil.<\/p>\n<p>Und sie tut das aus Eigennutz, denn Sie ist ambitioniert \u2013 die Frankfurt School \u2013 Top 5 in Europa bis 2020. Top 5 in Europa bis in sechs Jahren \u2013 das ist nur unwesentlich weniger ambitioniert, wie der Zeitrahmen f\u00fcr den Umzug auf den neuen Campus! Bei allem Respekt vor der offensichtlichen Kompetenz unseres Pr\u00e4sidiums, aber allein werden Sie das nicht schaffen. Aber das wissen Sie! Sie haben erkannt, dass die besten Institutionen der Welt nicht nur aus Ihren Fakult\u00e4ten heraus gut sind, sondern, dass die besten Unis der Welt meistens die bemerkenswertesten Studenten haben. Bemerkenswert wird man nur, wenn man etwas daf\u00fcr tut. Nicht wenn man erwartet, dass es andere f\u00fcr einen tun.<\/p>\n<p>Dreieinhalb Jahre FS sind auch dreieinhalb Jahre Zeit mit Freunden und mit Professoren und Studienbetreuern und Facility Managern und dem Mensa-Team und dem Empfangsteam um Frau G\u00f6tzend\u00f6rfer, die es k\u00fcrzlich zu einigem Ruhm im Internet gebracht hat. An dieser Stelle ein herzliches Dankesch\u00f6n an alle.<br \/>\nZu guter Letzt gratuliere ich auch uns allen und hebe mein Glas in weiser Voraussicht auf den besten Jahrgang aller Zeiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Kommilitonen, liebe Eltern, liebe Professoren, liebe Freunde der FS, und seit dem heutigen Tage auch hoch gesch\u00e4tzte Banker, Betriebswirte, \u00d6konomen, Wirtschaftspr\u00fcfer und Freunde der Weisheit auf Teilzeitbasis, Ein bekannter deutscher Philosoph hat mal zu mir gesagt: \u201eZiegler, Sie Depp, Sie haben nicht genug Disziplin um nicht in verschachtelten S\u00e4tzen zu schreiben\u201c (Kliemt, 2010ff). 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