{"id":27240,"date":"2021-07-21T21:09:34","date_gmt":"2021-07-21T20:09:34","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/?p=27240"},"modified":"2021-10-05T18:16:40","modified_gmt":"2021-10-05T17:16:40","slug":"welche-rolle-spielen-banken-in-der-plattformwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/de\/welche-rolle-spielen-banken-in-der-plattformwirtschaft\/","title":{"rendered":"Welche Rolle spielen Banken in der Plattformwirtschaft?"},"content":{"rendered":"<p>Immer mehr spielt sich unser Leben auf virtuellen Plattformen ab. Umgekehrt verlieren physische Einrichtungen wie Filialen, aber auch Autoh\u00e4user, Buchgesch\u00e4fte, Modeboutiquen etc. an Bedeutung. Was bedeutet diese Entwicklung f\u00fcr die Finanzbranche? Wie ver\u00e4ndern sich Gesch\u00e4ftsmodelle und Prozesse? Und was bedeutet das f\u00fcr die Interaktionen zwischen Kunden und Unternehmen? Offenbar befinden wir uns an einer entscheidenden Stelle in der Fortentwicklung des wirtschaftlichen Handelns.<\/p>\n<p>Eine wichtige Rolle bei der Neugestaltung der Interaktion zwischen Kunden und Unternehmen spielen digitale Plattformen, wobei erste Formen bereits in der eCommerce-Welle Mitte bis Ende der 1990er Jahre entstanden sind (z.B. eBay). Insbesondere die Verbreitung von Smartphones hat dann zu der enormen Popularit\u00e4t von Handelsplattformen wie Alibaba, Amazon, Rakuten und Tencent, aber auch einer Vielzahl kleinerer, teilweise spezialisierter Plattformen (Zalando, Wayfair, Outfittery usw.) gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Hinzu kamen Plattformen, die von Suchmaschinen aufgebaut wurden (Google, Baidu usw.) sowie die der Social-Media-Betreiber (insbesondere Facebook mit seinen Ablegern WhatsApp und Instagram bzw. WeChat und Weibo in China). Diese Plattformen haben sich inzwischen zu regelrechten digitalen \u00d6kosystemen entwickelt. Das Aufkommen von Zahlungsdienstleistern im eCommerce (Adyen, Klarna, PayPal, Square usw.) hat diese Entwicklung stark unterst\u00fctzt.<\/p>\n<h2>Plattformen sind heterogen<\/h2>\n<p>Die Thematik der Plattformwirtschaft ist vielschichtig. Unter digitalen Plattformen werden meist technische Plattformen verstanden. Weitergefasst sind Plattformen aber auch als \u201edigitale \u00d6kosysteme\u201c zu verstehen. Diese k\u00f6nnen aus mehr oder weniger gleichberechtigten Partnern auf lokaler Ebene bestehen, aber auch von gro\u00dfen Unternehmen dominiert werden. Das kann im Extremfall bis zu weltweit t\u00e4tigen Unternehmen wie Amazon etc. reichen.<\/p>\n<p>Ein anderer Fokus entsteht, wenn sich funktional ausgerichtete Plattformen entwickeln. Beispiele finden sich im Gesundheitsbereich (u.a. bestehend aus Kunden, Apotheken, Kliniken, Lieferdiensten, Pharmaunternehmen, Zulieferern in vielen L\u00e4ndern) und im Zahlungsverkehr (u.a. bestehend aus Kunden, H\u00e4ndlern, Payment Service Providern, Netzbetreibern, Kartenorganisationen, Banken). Andere Plattformen wiederum bestehen \u2013 fast wie bei einer biologischen Symbiose \u2013 aus etablierten Unternehmen (Incumbents) und Neo-Unternehmen (Fintechs, Insurtechs etc.).<\/p>\n<h2><strong>Was bedeuten Plattformen f\u00fcr die Strategien von Banken?<\/strong><\/h2>\n<p>Plattformen f\u00fchren zu einer immer st\u00e4rkeren digitalen Vernetzung. Diese f\u00fchrt zum Verschwimmen traditioneller Unternehmens- und Branchengrenzen und ist damit hochrelevant f\u00fcr die Entwicklung von Unternehmensstrategien. Die zentrale Frage ist, wie sich eine Bank am besten in Plattformstrukturen positioniert. Dazu muss gekl\u00e4rt werden, welche Rolle(n) die Bank in der Plattformwirtschaft spielen m\u00f6chte und kann.<\/p>\n<p>Eine m\u00f6gliche Rolle ist die des Initiators und Betreibers einer Plattform. Damit orchestriert die Bank alle Aktivit\u00e4ten und managt die teilnehmenden Partner. Hierf\u00fcr ist Know-how und ein erhebliches Investment n\u00f6tig \u2013 leicht k\u00f6nnen sich Banken hier \u00fcbernehmen. Eine andere Rolle ist die des Teilnehmers an anderen Plattformen \u2013 etwa als Produktlieferant. Der Aufwand ist geringer; jedoch besteht hier die Gefahr, die Verbindung zum Kunden zu verlieren. Weitere Rollen oder Kombinationen sind m\u00f6glich (siehe Abb. zu Plattformmodellen).<\/p>\n<p>Abb.: Plattformmodelle f\u00fcr Banken<\/p>\n<div id=\"attachment_27241\" style=\"width: 301px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-27241\" class=\"wp-image-27241 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Blog-Moormann-2-291x300.png\" alt=\"\" width=\"291\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Blog-Moormann-2-291x300.png 291w, https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Blog-Moormann-2-993x1024.png 993w, https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Blog-Moormann-2-768x792.png 768w, https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Blog-Moormann-2-1490x1536.png 1490w, https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Blog-Moormann-2-1987x2048.png 1987w\" sizes=\"auto, (max-width: 291px) 100vw, 291px\" \/><p id=\"caption-attachment-27241\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: nach Heinemann, G. et al. (2020)<\/p><\/div>\n<p>Damit \u00e4ndert sich zwangsl\u00e4ufig das Gesch\u00e4ftsmodell der jeweiligen Bank. Das ist ebenso wichtig wie notwendig, denn entscheidend f\u00fcr den aktuellen Umbruch ist ein ver\u00e4ndertes Verst\u00e4ndnis bzw. Neudenken von Gesch\u00e4ftsmodellen. W\u00e4hrend klassischerweise ein Unternehmen \u201eseine\u201c Kundinnen und Kunden hat und streng dar\u00fcber wacht, dass kein Wettbewerber in die eigene Wertsch\u00f6pfungskette eindringt, entwickelt sich inzwischen eine differenziertere Auffassung.<\/p>\n<p>Insbesondere bei Rollenmodellen, in denen die Bank mit anderen Unternehmen kooperiert und sich bewusst in ein digitales \u00d6kosystem integriert, wird es Teil eines Wertsch\u00f6pfungsnetzwerks. Die Annahme ist, dass der Nutzen f\u00fcr alle Beteiligte (deutlich) gr\u00f6\u00dfer ist, als wenn jedes Unternehmen einzeln, d.h. \u201eallein gegen alle\u201c, k\u00e4mpft. Damit steigt nat\u00fcrlich auch die Komplexit\u00e4t hinsichtlich Strategie, Governance, Kommunikation, Prozessen, IT usw. in diesen Strukturen an. Als weiterer Aspekt ist zu beachten, dass in der Plattformwirtschaft regionale oder nationale Grenzen eine immer geringere Rolle spielen.<\/p>\n<h2>Chancen, Herausforderungen \u2026<\/h2>\n<p>Im Zusammenhang mit digitalen \u00d6kosystemen wird die Arbeitsteilung neu organisiert. Damit muss sich jedes Unternehmen strukturell und prozessual erneuern. Gleichzeitig er\u00f6ffnen sich den Banken neue Gesch\u00e4ftspotenziale, denn die Plattformwirtschaft erm\u00f6glicht u.a. die ganzheitliche Unterst\u00fctzung von Kundenprozessen, die Erweiterung des Serviceangebots, die Senkung von Kosten und die Konzentration auf Kernkompetenzen.<\/p>\n<p>Dieser Umbau wird unumg\u00e4nglich sein. Damit verbunden sind aber auch erhebliche Herausforderungen. Insbesondere sind die\u00a0Gesch\u00e4ftsprozesse\u00a0\u2013 das Herzst\u00fcck von Unternehmen \u2013 an die Erfordernisse\u00a0digitaler Plattformen\u00a0anzupassen und in vielen F\u00e4llen neu zu entwickeln. Ein weiterer Treiber bei der Entstehung der Plattform\u00f6konomie sind die schnellen\u00a0technologischen Fortschritte (u.a. in den Bereichen KI, Data Analytics, Cloud Computing, Blockchain). Aber auch die\u00a0Kultur\u00a0des Unternehmens spielt eine wichtige Rolle, denn in vielen F\u00e4llen geht es um die Virtualisierung \u2013 als Folge der Digitalisierung \u2013 der Arbeit.<\/p>\n<h2>\u2026 und viele Fragen<\/h2>\n<p>Damit ergibt sich f\u00fcr die Banken auf dem Weg in die Plattformwirtschaft eine Reihe konzeptioneller Fragen, u.a.<\/p>\n<ul>\n<li>Welche Art von Plattform ist f\u00fcr die jeweilige Bank geeignet?<\/li>\n<li>Welche Rolle soll die Bank einnehmen?<\/li>\n<li>Wer sind die passenden Partner f\u00fcr das anvisierte Plattformmodell?<\/li>\n<li>Welche Rolle spielen Banken bei der Kooperation mit gro\u00dfen Tech-Konzernen?<\/li>\n<li>Welche Bedeutung hat das Sourcing im Rahmen neuer Wertsch\u00f6pfungsketten?<\/li>\n<li>Was muss getan werden, damit alle Entscheidungstr\u00e4ger und Mitarbeiter den Umbau zum Plattformunternehmen mittragen?<\/li>\n<li>Welche Rolle spielen Technologien bei der Gestaltung plattformorientierter Prozesse?<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Die Zukunft hei\u00dft: Plattform\u00f6konomie<\/h2>\n<p>Die bisherigen Strukturen ver\u00e4ndern sich. Neobanken, weitere Fintechs und Tech-Konzerne dringen in den Markt ein und werden sich immer gr\u00f6\u00dfere Anteile greifen. Traditionelle Banken m\u00fcssen z\u00fcgig Wege finden, um relevant zu bleiben. Die Transformation von Banken in Richtung von Plattformstrukturen wird ein solcher Weg sein.<\/p>\n<p>Aus der zunehmenden Vernetzung, der Generierung von Daten mithilfe neuer Technologien (z.B. das Internet of Things) und neuen Partnerschaften (z.B. mit Unternehmen der Fertigungsindustrie) werden sich Gesch\u00e4ftsmodelle ergeben, die heute noch gar nicht auf der Agenda klassischer Banken stehen. Digitale Plattformen werden nicht verschwinden, im Gegenteil \u2013 wir stehen erst am Beginn.<\/p>\n<p><em>Passend zu diesem Thema ist im Sommer 2021 im Frankfurt School Verlag das <a href=\"\/\/www.frankfurt-school-verlag.de\/programm\/digitale_oekosysteme.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Buch \u201eDigitale \u00d6kosysteme\u201c<\/a> erschienen. <\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist in leicht ver\u00e4nderter Form in der Zeitschrift \u201eGeldinstitute\u201c (2021, Nr. 3, S. 38-40) sowie auf der Website \u201eIT Finanzmagazin\u201c (11. Mai 2021) erschienen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer mehr spielt sich unser Leben auf virtuellen Plattformen ab. Umgekehrt verlieren physische Einrichtungen wie Filialen, aber auch Autoh\u00e4user, Buchgesch\u00e4fte, Modeboutiquen etc. an Bedeutung. Was bedeutet diese Entwicklung f\u00fcr die Finanzbranche? Wie ver\u00e4ndern sich Gesch\u00e4ftsmodelle und Prozesse? 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