{"id":37953,"date":"2025-05-09T07:00:33","date_gmt":"2025-05-09T06:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/?p=37953"},"modified":"2025-05-07T14:27:36","modified_gmt":"2025-05-07T13:27:36","slug":"vererbtes-risiko-wie-eltern-unsere-finanzentscheidungen-pragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/de\/vererbtes-risiko-wie-eltern-unsere-finanzentscheidungen-pragen\/","title":{"rendered":"Vererbtes Risiko? Wie Eltern unsere Finanzentscheidungen pr\u00e4gen"},"content":{"rendered":"<p>Ob wir als Erwachsene mutig in Aktien investieren oder lieber auf das Sparbuch setzen, entscheidet sich h\u00e4ufig lange vor dem ersten eigenen Depot \u2013 n\u00e4mlich zu Hause. Unsere Studie, durchgef\u00fchrt im Rahmen des Kurses\u00a0<em>\u201e<\/em>Angewandte Forschungsmethoden<em>\u201c<\/em>\u00a0unter der Leitung von <a href=\"https:\/\/www.frankfurt-school.de\/home\/research\/staff\/Marcus-Giamattei\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Prof. Dr. Giamattei<\/a> an der Frankfurt School of Finance &amp; Management, zeigt, dass das Anlageverhalten der Eltern und die famili\u00e4re Kommunikation \u00fcber Geld zentrale Einflussfaktoren f\u00fcr die sp\u00e4tere Risikobereitschaft ihrer Kinder sind.<\/p>\n<p>In Deutschland wird derzeit intensiv \u00fcber die Zukunft der Altersvorsorge diskutiert. Angesichts demografischer Ver\u00e4nderungen und der Idee einer kapitalgedeckten <em>Aktienrente <\/em>erw\u00e4gen junge Menschen, immer fr\u00fcher selbst Verantwortung f\u00fcr ihre finanzielle Sicherheit zu \u00fcbernehmen. Gleichzeitig wurde in der Jugendstudie des Bundesverbands deutscher Banken (2024) deutlich, dass vier von f\u00fcnf befragten Personen zwischen 14 und 24 Jahren den Unterricht zu wirtschaftlichen Themen als unzureichend empfinden. F\u00e4llt die Schule als Vermittlerin grundlegender Finanzkompetenzen aus, r\u00fcckt das Elternhaus zwangsl\u00e4ufig in den Mittelpunkt \u2013 und hier setzt unsere Untersuchung an:<\/p>\n<p>Haben die elterlichen Investitionsrisiken einen Einfluss auf die finanzielle Risikobereitschaft ihrer Kinder?<\/p>\n<h2>Methodischer Rahmen und Stichprobe<\/h2>\n<p>Um diese Frage zu beantworten, f\u00fchrten wir im Oktober 2024 eine Onlinebefragung unter Studierenden der Frankfurt School of Finance &amp; Management durch. Teilnehmen konnten alle Bachelor-Studierenden, die zeitgleich das Modul \u201eAngewandte Forschungsmethoden\u201c belegten. Von 117 eingegangenen Frageb\u00f6gen waren 99 vollst\u00e4ndig und methodisch verwertbar. Dabei erfassten wir zun\u00e4chst demografische Angaben, das pers\u00f6nliche Anlageverhalten sowie die individuelle Risikoneigung der Studierenden. Anschlie\u00dfend stellten wir analoge Fragen zum Investmentverhalten der Eltern, fragten nach der H\u00e4ufigkeit von Gespr\u00e4chen \u00fcber Geld und baten die Studierenden, die Finanzkompetenz ihrer Eltern einzusch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Unsere Analyse zeigt:<\/p>\n<ul>\n<li>Wer in einem Haushalt aufw\u00e4chst, in dem risikoreiche Anlageformen \u2013 etwa Aktien, Zertifikate oder Kryptow\u00e4hrungen \u2013 selbstverst\u00e4ndlich sind, weist sp\u00e4ter eine signifikant h\u00f6here Risikobereitschaft auf. Umgekehrt tendieren Studierende aus sicherheitsorientierten Familien zu konservativen Strategien.<\/li>\n<li>Ebenso kommt es auf die Gespr\u00e4chskultur an. Fehlen regelm\u00e4\u00dfige Finanzgespr\u00e4che, steigt die Risikoneigung der jungen Erwachsenen am st\u00e4rksten. Ein offener Austausch wirkt hingegen stabilisierend.<\/li>\n<li>Die wahrgenommene Finanzkompetenz der Eltern wirkt sich in einer unerwarteten Weise aus: Sch\u00e4tzen die befragten Personen das Wissen ihrer Eltern als gering ein, investieren sie paradoxerweise besonders offensiv \u2013 vermutlich, weil sie auf externe, nicht immer verl\u00e4ssliche Informationen ausweichen m\u00fcssen.<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Duale Finanzbildung: Elternhaus und Curriculum im Fokus<\/h2>\n<p>Dass Eltern einen so gro\u00dfen Einfluss haben, \u00fcberrascht kaum. Laut Gudmunson und Danes (2011) sind sie die erste und wichtigste Sozialisationsinstanz f\u00fcr \u00f6konomisches Verhalten. Fehlt dort fundiertes Wissen, bleibt der intergenerationale Transfer aus und junge Menschen m\u00fcssen sich Finanzwissen selbst erarbeiten. Da schulische Lehrpl\u00e4ne Finanzthemen bisher allenfalls am Rande behandeln, werden Lernende h\u00e4ufig auf einen Flickenteppich aus Internetvideos, Social-Media-Kan\u00e4len oder Peergroups verwiesen \u2013 mit entsprechend schwankender Qualit\u00e4t. Unsere Befunde unterstreichen daher die Notwendigkeit, Finanzbildung auf zwei S\u00e4ulen zu verankern: im Elternhaus\u00a0<u>und<\/u>\u00a0als verbindlichen Bestandteil schulischer Curricula.<\/p>\n<h2>Strategien f\u00fcr bessere finanzielle Entscheidungen<\/h2>\n<p><strong>Elterliche Rolle <\/strong><\/p>\n<p>Eltern k\u00f6nnen ihre Kinder wesentlich unterst\u00fctzen, wenn sie Finanzthemen regelm\u00e4\u00dfig ansprechen und nachvollziehbar erkl\u00e4ren, welche \u00dcberlegungen zu einer Anlageentscheidung f\u00fchren und auch eigene Fehler offenlegen. Zeigt sich im Gespr\u00e4ch, dass Fachwissen fehlt, sollten Eltern gemeinsam mit ihren Kindern auf seri\u00f6se Quellen \u2013 etwa anerkannte Ratgeber, Online-Kurse von Bildungseinrichtungen oder praxisnahe Workshops einer Universit\u00e4t \u2013 zur\u00fcckgreifen. So entsteht eine Lernpartnerschaft, in der beide Seiten Wissen aufbauen und reflektieren.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Auftrag an die Schule<\/strong><\/p>\n<p>Durch das Bildungssystem kann der finanzielle Grundstein gelegt werden, indem \u00f6konomische Inhalte verbindlich in Lehrpl\u00e4nen verankert, Lehrkr\u00e4fte f\u00fcr Finanzthemen fortgebildet und praxisorientierte Formate wie Planspiele, Musterportfolios und Gastvortr\u00e4ge aus der Finanzpraxis etabliert werden. Eine systematische schulische Verankerung f\u00fchrt zu Chancengleichheit, da der Einfluss des Elternhauses zwar nicht ersetzt, aber erg\u00e4nzt wird.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Eigenverantwortung der Studierenden<\/strong><\/p>\n<p>Junge Erwachsene profitieren davon, ihr pers\u00f6nliches Anlageverhalten bewusst auf famili\u00e4re Pr\u00e4gungen zu pr\u00fcfen. Wer erkennt, dass eine hohe oder niedrige Risikoneigung wom\u00f6glich \u00fcbernommen wurde, kann sie gezielt hinterfragen. Erg\u00e4nzend hilft der gezielte Aufbau von Fachkompetenz \u2013 etwa durch Hochschulseminare, wissenschaftliche Literatur oder zertifizierte Weiterbildungsangebote. Ebenso wertvoll ist der Austausch mit erfahrenen Anlegerinnen und Anlegern, beispielsweise in Investment-Clubs oder Fachkonferenzen.Durch das Zusammenspiel dieser drei Ebenen \u2013 Eltern, Schule, Lernende \u2013 kann sichergestellt werden, dass Anlageentscheidungen st\u00e4rker auf Fakten als auf Zufall beruhen.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>In unserer Untersuchung wurde klar: Das finanzielle Entscheidungsverhalten junger Erwachsener ist tief im Elternhaus verwurzelt und wird zus\u00e4tzlich von fehlender schulischer Unterst\u00fctzung gepr\u00e4gt. Sowohl das konkrete Investitionsverhalten der Eltern als auch die H\u00e4ufigkeit, mit der zu Hause \u00fcber Geld gesprochen wird, hinterlassen langfristige Spuren im Risikoverhalten ihrer Kinder. Ein regelm\u00e4\u00dfiger, offener Dialog \u00fcber Finanzen vermittelt \u2013 selbst ohne Expertenstatus \u2013 grundlegende Prinzipien des Chancen-Risiko-Abw\u00e4gens und schafft ein stabiles Fundament f\u00fcr sp\u00e4teres Investieren. Perspektivisch sollte Finanzwissen daher nicht dem Zufall \u00fcberlassen werden. Wenn wirtschaftliche Grundkompetenzen systematisch im Schulcurriculum verankert und durch einen lebendigen Finanzdialog im Elternhaus erg\u00e4nzt werden, erhalten alle Jugendlichen die Chance, rationale und informierte Anlageentscheidungen zu treffen. Wer die eigene finanzielle Zukunft langfristig erfolgreich gestalten m\u00f6chte, sollte sich bewusst machen, welche unbewussten Muster das eigene Handeln steuern, diese mithilfe fundierter Informationen reflektieren und das Gelernte in Gespr\u00e4chen verankern. Ein gut gef\u00fchrtes Gespr\u00e4ch \u00fcber Geld ist dabei oft wertvoller als die vermeintlich n\u00e4chste <em>hei\u00dfe<\/em> Anlageidee.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob wir als Erwachsene mutig in Aktien investieren oder lieber auf das Sparbuch setzen, entscheidet sich h\u00e4ufig lange vor dem ersten eigenen Depot \u2013 n\u00e4mlich zu Hause. 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