{"id":38965,"date":"2026-04-27T09:02:49","date_gmt":"2026-04-27T08:02:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/?p=38965"},"modified":"2026-04-27T09:06:13","modified_gmt":"2026-04-27T08:06:13","slug":"black-tax-wie-kultur-und-familie-wirtschaftliche-entscheidungen-in-namibia-pragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/de\/black-tax-wie-kultur-und-familie-wirtschaftliche-entscheidungen-in-namibia-pragen\/","title":{"rendered":"Black Tax &#8211; Wie Kultur und Familie wirtschaftliche Entscheidungen in Namibia pr\u00e4gen"},"content":{"rendered":"<p>Warum gehen Menschen Risiken ein und warum sind einige deutlich risikobereiter als andere? Neben vielen anderen Faktoren spielt auch das emotionale und kulturelle Umfeld eine entscheidende Rolle. Im Rahmen meiner Bachelorarbeit habe ich mich mit genau diesem Thema auseinandergesetzt, allerdings mit einem spezifischen Fokus, der bislang eher wenig Beachtung findet: famili\u00e4re Erwartungen im post-kolonialen Kontext. Unter der Betreuung von <a href=\"https:\/\/www.frankfurt-school.de\/de\/research-and-faculty\/faculty\/faculty-directory\/marcus-giamattei\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Prof. Dr. Marcus Giamattai<\/a> und mit finanzieller Unterst\u00fctzung\u00a0 durch das Reinhard-Selten-Stipendiums der\u00a0<a href=\"https:\/\/gfew.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gesellschaft f\u00fcr experimentelle Wirtschaftsforschung<\/a> konnte ich daf\u00fcr ein Experiment in Namibia, im s\u00fcdlichen Afrika, durchf\u00fchren. Im Zentrum stand dabei die sogenannte <em>Black Tax<\/em>, die heute eine wichtige Rolle innerhalb der schwarzen Bev\u00f6lkerung spielt.<\/p>\n<h2>Kulturell verwurzelte Erwartungen werden zur Black Tax<\/h2>\n<p>Namibia geh\u00f6rt nach g\u00e4ngigen Ma\u00dfst\u00e4ben zu den <a href=\"https:\/\/data.worldbank.org\/indicator\/SI.POV.GINI\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ungleichsten L\u00e4ndern der Welt<\/a> . Ein Grund daf\u00fcr liegt in der bewegten Geschichte des Landes, die den Rahmen dieses Beitrags jedoch sprengen w\u00fcrde. Der aktuelle Stand l\u00e4sst sich wie folgt zusammenfassen: Nach der lang und hart erk\u00e4mpften Unabh\u00e4ngigkeit im Jahr 1990 hat inzwischen die erste Generation der sogenannten Freeborns Fu\u00df auf dem Arbeitsmarkt gefasst.<\/p>\n<p><em>Black Tax<\/em> beschriebt eine weitverbreitete kulturelle Norm beziehungsweise Erwartung. Die oft in St\u00e4dten lebenden, fest angestellten Familienmitglieder geben einen erheblichen Teil ihres Gehalts an die restliche Familie weiter. Die Hintergr\u00fcnde sind bislang nur teilweise erforscht. Einige Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze beziehen sich auf <em>Ubuntu<\/em>, eine Art Lebensphilosophie, die sich mit der Maxime \u201eein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen\u201c umschreiben l\u00e4sst. Neben diesem Gemeinschaftsgedanke spielen auch die Einforderungen an Dankbarkeit und R\u00fcckzahlung f\u00fcr die erhaltene Erziehung beziehungsweise Bildung eine Rolle.<\/p>\n<h2>Digitale Ballons als Proxy f\u00fcr Risikobereitschaft<\/h2>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-39011\" src=\"https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bild-Appansicht_Spanheimer-002-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bild-Appansicht_Spanheimer-002-225x300.jpg 225w, https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bild-Appansicht_Spanheimer-002.jpg 653w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>F\u00fcr die Studie nahmen 152 Teilnehmende in der K\u00fcstenstadt Swakopmund an einer leicht abgewandelten Form der Ballon Analogue Risk Task (BART) teil. Dabei wird ein digitaler Ballon schrittweise \u201eaufgepustet\u201c. Mit jedem weiteren Klick, der einen Atemzug simuliert, verdienen die Teilnehmenden reales Geld, das jederzeit gesichert werden kann. Platzt der Ballon vor dem Sichern, geht das erspielte Geld verloren. Die Wahrscheinlichkeit des Platzens steigt mit jedem Klick und es werden insgesamt 20 Ballonrunden gespielt.<\/p>\n<p>Die durchschnittliche Anzahl der Klicks bis zur Sicherung dient als Ma\u00df f\u00fcr die Risikobereitschaft. Je h\u00f6her der Wert, desto gr\u00f6\u00dfer die Neigung zum Risiko. Der Test hat sich insbesondere in Studien mit Teilnehmenden mit niedrigerem Bildungsniveau bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Die Stichprobe lie\u00df sich ann\u00e4hernd gleichm\u00e4\u00dfig in zwei Untergruppen einteilen: Personen mit und ohne <em>Black Tax<\/em> Erfahrung. Es wurden mehrheitlich Frauen befragt und fast alle Teilnehmenden identifizierten sich als Teil von Bev\u00f6lkerungsgruppen, die unter dem s\u00fcdafrikanischen Apartheid-Regime als \u201eBlack\u201c klassifiziert wurden und damit historisch benachteiligt waren.<\/p>\n<h2>Black Tax Erfahrung korreliert mit Risikoaversion<\/h2>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-39012\" src=\"https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Ergebnisdiagramm-Spanheimer-002-300x163.png\" alt=\"\" width=\"644\" height=\"350\" srcset=\"https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Ergebnisdiagramm-Spanheimer-002-300x163.png 300w, https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Ergebnisdiagramm-Spanheimer-002.png 670w\" sizes=\"auto, (max-width: 644px) 100vw, 644px\" \/><\/p>\n<p>Ein Vergleich der durchschnittlichen Klickzahlen vor der Sicherung zeigt eine deutlich h\u00f6here Risikobereitschaft in der Gruppe ohne <em>Black Tax<\/em> Erfahrung. Diese Ergebnisse wurden mit Hilfe einer mehrfachen linearen Regression weiter untersucht. Dabei bildete die Anzahl der Klicks die abh\u00e4ngige Variable und wurde auf Korrelation mit verschiedenen unabh\u00e4ngigen Variablen \u00fcberpr\u00fcft. Neben der Erfahrung mit <em>Black Tax<\/em> wurden auch die potenziellen Faktoren Geschlecht, Alter, Bildungsgrad, Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis und ethnische Zugeh\u00f6rigkeit ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Es zeigt sich eine statistisch signifikante Korrelation (p-Wert &lt; 0,05) zwischen Risikobereitschaft und der Erfahrung mit <em>Black Tax<\/em>. Die <em>Black Tax<\/em>-Erfahrungen reduzieren die durchschnittliche Klickzahl um 1,05. Bei einem Gesamtdurchschnitt von 5,4 Klicks stellt diese eine substanzielle Ver\u00e4nderung dar. Die Ergebnisse halten auch verschiedenen Robustheitskontrollen stand.<\/p>\n<h2>Ungleichheit l\u00e4sst sich nicht einfach abschaffen<\/h2>\n<p>Zwar beschr\u00e4nken sich die Beobachtungen auf ein relativ kleines Feld und sind geografisch sehr auf die Stadt Swakopmund begrenzt, aber sie sind erste empirische Evidenz f\u00fcr den Einfluss auf Risikoverhalten, welche durch weitere Untersuchungen, gegebenenfalls mit weiterfassenden Gruppen an Teilnehmenden, validiert werden kann.<\/p>\n<p>Dennoch zeigt sich eine wichtige Tendenz: Personen, die einen erheblichen Teil ihres Einkommens als <em>Black Tax<\/em> an ihre Familie abgeben, verhalten sich risikoaverser. Gesamtgesellschaftlich kann dies eine weitere H\u00fcrde f\u00fcr Verm\u00f6gensaufbau dieser Gruppe darstellen. Gleichzeitig wird deutlich, wie komplex das Problem der sozialen Ungleichheit ist. sind Die starke Abh\u00e4ngigkeit vieler Menschen von famili\u00e4rer Unterst\u00fctzung zeigt, dass nicht nur historische Ungerechtigkeiten ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen, sondern auch gegenw\u00e4rtige soziale Strukturen.<\/p>\n<p>Mir pers\u00f6nlich hat das Projekt enorm viel Spa\u00df bereitet, da es sich mit Themen der Verhaltens\u00f6konomie besch\u00e4ftigt, die Analyse aber eng mit Feldern wie Geschichte und Soziologie verzahnt ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum gehen Menschen Risiken ein und warum sind einige deutlich risikobereiter als andere? Neben vielen anderen Faktoren spielt auch das emotionale und kulturelle Umfeld eine entscheidende Rolle. 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