{"id":6599,"date":"2016-09-20T15:07:16","date_gmt":"2016-09-20T15:07:16","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.frankfurt-school.de\/?p=6599"},"modified":"2021-04-27T10:30:12","modified_gmt":"2021-04-27T09:30:12","slug":"abschaffung-des-bargelds","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/de\/abschaffung-des-bargelds\/","title":{"rendered":"Abschaffung des Bargelds \u2013 eine Geisterdebatte"},"content":{"rendered":"<p>Die Regierung (ersatzweise die EZB, \u201edie Banken\u201c oder schwarze M\u00e4chte) will das Bargeld abschaffen! Dieser Panikruf schallt durch Talk-Shows und Gazetten. Demnach gibt es demn\u00e4chst keine Banknoten und M\u00fcnzen mehr, sondern nur noch Karten und\/oder digitale Endger\u00e4te, mit denen wir alles (!) bezahlen werden. Dann haben wir nichts mehr, was wir unseren Kindern zum Eiskaufen in die Hand dr\u00fccken k\u00f6nnen. Auch werden uns die Banken mit Minuszinsen belegen (eigentlich der Staat, der \u00fcber die EZB f\u00fcr die Niedrigzinsen verantwortlich ist). Wir sollten daher Parteien w\u00e4hlen, die gegen die Abschaffung des Bargelds und am besten gegen den Euro und \u00fcberhaupt die EU sind!<\/p>\n<p>Wie kommt es nur zu solchen Diskussionen? Weil uns einige US-amerikanische, neokeynesianische \u00d6konomen (insbesondere Kenneth Rogoff und Willem Buiter) mit ihren wirklichkeitsfremden Vorstellungen begl\u00fccken, dass der Staat bei (vollst\u00e4ndig) fehlendem Bargeld Minuszinsen f\u00fcr die Haltung von Geld auf Konten durchsetzen kann, lassen wir uns auf diese Scheindebatte ein. Etwas vereinfacht gehen diese Personen davon aus, dass Minuszinsen f\u00fcr alle (Geldhaltung ist dann ja nur digital m\u00f6glich) den Konsum antreiben und die Deflation verhindern. Das ist weit weg von der Realit\u00e4t. Es w\u00fcrde eine vollst\u00e4ndige Digitalisierung von Zahlungen nicht nur in allen EU-Staaten (schon das ist illusorisch), sondern weltweit voraussetzen. Diesen \u00d6konomen geht es wohl eher darum, im Gespr\u00e4ch zu bleiben und ihren eigenen Marktwert (etwa Rednerhonorare) zu steigern.<\/p>\n<p>Auch in Deutschland tragen B\u00fccher zur Verunsicherung bei (\u201eDie Abschaffung des Bargelds und die Folgen\u201c). Diese B\u00fccher braucht kein Mensch. Sie dienen der Angstmacherei (Verschw\u00f6rung von Regierungen, staatlichen Geheimdiensten und der internationalen Finanzindustrie) und steigern bestenfalls den Bekanntheitsgrad der Autoren und ihre Honorare.<\/p>\n<p>Gibt es Belege f\u00fcr die (bewusste) Abschaffung des Bargelds? \u201eIn Kontinentaleuropa kenne ich niemanden, der die Absicht hat, Bargeld abzuschaffen,\u201c sagt Bundesfinanzminister Sch\u00e4uble. Nun muss man Politikern nicht unbedingt glauben. Doch lohnt ein Blick in die Bundesbank-Statistik: Danach steigt der Bargeldumlauf in Deutschland und der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion (EWU) permanent an und liegt heute bei 244 Milliarden Euro in Deutschland und 1.049 Milliarden Euro in der EWU (202 Milliarden Euro in Deutschland und 815 Milliarden Euro in der EWU vor f\u00fcnf Jahren). Abschaffen sieht anders aus.<\/p>\n<p>\u201eAber die EZB schafft doch den 500-Euro-Schein ab!\u201c Damit will man Kriminalit\u00e4t bek\u00e4mpfen. Ob dieses Ziel mit der Abschaffung einer Banknote erzielt werden kann, ist eine andere Debatte. Die Abschaffung erh\u00f6ht erst mal die Kosten, da erheblich mehr 100- und 200-Euro-Noten hergestellt werden. Allein die zus\u00e4tzlichen Druckkosten betragen mehr als 500 Millionen Euro. F\u00fcr Unternehmen wie Giesecke &amp; Devrient, weltweit gr\u00f6\u00dfter Produzent von Banknoten, ein gutes Gesch\u00e4ft. Kriminelle dagegen werden auf den 1.000-Schweizer-Franken-Schein zur\u00fcckgreifen, den die Schweiz gerade erneuert und ab 2018 einf\u00fchren wird.<\/p>\n<p>\u201eAber es sollen doch Betragsgrenzen f\u00fcr Barzahlungen eingef\u00fchrt werden!\u201c Der Hintergrund hierf\u00fcr ist ebenfalls die Bek\u00e4mpfung von Schattenwirtschaft, Geldw\u00e4sche und Terrorfinanzierung \u2013 an sich lobenswert. Allerdings existieren bereits Betragsgrenzen, etwa in Frankreich, Italien, Portugal, Griechenland, Spanien und der Slowakei. Dummerweise gibt es bis heute keine Studie, die belegt, dass durch H\u00f6chstgrenzen Geldw\u00e4sche &amp; Co. tats\u00e4chlich verringert wird. Es handelt sich eher um ein Placebo f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung (\u201eWir tun etwas!\u201c). Kriminelle finden andere Wege. Gro\u00dfe Finanzdelikte laufen schon l\u00e4ngst bargeldlos \u2013 im Wesentlichen \u00fcber Scheinfirmen. Italien hat \u00fcbrigens seine Betragsgrenzen gerade erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>\u201eAber John Cryan hat doch gesagt, dass Bargeld in zehn Jahren wahrscheinlich nicht mehr existieren wird.\u201c Bei aller Wertsch\u00e4tzung gegen\u00fcber Herrn Cryan, aber auch der oberste Chef der Deutschen Bank macht \u00c4u\u00dferungen, die nicht unbedingt zutreffen m\u00f6gen. Aus dieser Aussage eine \u201eVerschw\u00f6rung der Banken\u201c abzuleiten, erscheint doch recht abenteuerlich. In diesem Fall liegt Herr Cryan mit seiner Einsch\u00e4tzung schlicht daneben.<\/p>\n<p>\u201eAber in Schweden wird das Bargeld abgeschafft!\u201c Die schwedische Regierung hat verk\u00fcndet, bis 2030 (!) das Bargeld \u2013 die Schwedische Krone \u2013 abschaffen zu wollen. Nur ist Schweden (wie D\u00e4nemark) kaum mit Deutschland zu vergleichen: Schweden ist kein Mitglied der Euro-Zone, die Menschen sind gegen\u00fcber neuen Technologien sehr positiv eingestellt und auch die Haltung zu Datenschutz, Transparenz und Institutionen unterscheidet sich grundlegend. \u00dcbrigens ist die schwedische Nationalbank gerade dabei, eine neue Generation von Banknoten und M\u00fcnzen einzuf\u00fchren. Wie war das noch gleich mit 2030?<\/p>\n<p>Passiert denn gar nichts? Oh doch, sogar recht viel. Zwar bezahlen die Deutschen im station\u00e4ren Einzelhandel immer noch am liebsten mit Bargeld (2015: 52,4 Prozent des Umsatzes im Einzelhandel laut EHI). Dieser Anteil sinkt jedoch jedes Jahr (von 2014 auf 2015 um 0,9 Prozent). So lag die Zahlung mit anderen Zahlungsmitteln bei 47,6 Prozent (davon Karten 44,5 Prozent). Der L\u00f6wenanteil (37,4 Prozent) entf\u00e4llt auf die Girocard (fr\u00fchere ec-Karte). Hinzu kommen Kreditkarten mit 5,7 Prozent. Auch die gro\u00dfen Ketten und Discounter (Aldi Nord und S\u00fcd, Lidl, Media-Saturn) akzeptieren nun Kreditkarten, was ihren Einsatz deutlich erh\u00f6ht. Dabei muss nicht zwingend die klassische Plastikkarte genutzt werden. Beim E-Commerce werden nur die Daten der Karte verwendet und beim M-Commerce wird das Smartphone als \u201eKartenersatz\u201c benutzt. Die Verwendung von Smartphones kann z.B. mit QR-Codes oder NFC (Near Field Communication) erfolgen. Die Nutzung von Smartphones d\u00fcrfte zu weiter steigenden Zahlungen per App f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die im letzten Jahr eingef\u00fchrte Deckelung der Interbankenentgelte f\u00f6rdert den Einsatz von Unbarzahlungsmitteln, im Wesentlichen also Karten. F\u00fcr Einzelh\u00e4ndler wird das bargeldlose Bezahlen interessanter \u2013 weil g\u00fcnstiger. Banken und Kreditkartenorganisationen hingegen m\u00fcssen sich mit sinkenden Ertr\u00e4gen im Kartengesch\u00e4ft abfinden. Da das Bargeldhandling aber teuer ist (Sch\u00e4tzungen gehen von 8 Milliarden Euro in Deutschland aus), wird aus Effizienzgr\u00fcnden immer mehr nach Wegen gesucht, G\u00fcter und Dienstleistungen digital bezahlen zu lassen.<\/p>\n<p>Dass der Bargeldeinsatz im Einzelhandel Jahr f\u00fcr Jahr zur\u00fcckgeht, liegt in der Natur der Sache: Wenn der Zahlungsverkehr digitaler wird, und das ist mit der zunehmenden Technisierung unserer Gesellschaft zwingend verbunden, wird weniger Bargeld ben\u00f6tigt \u2013 ein weltweiter Trend. Die Ursachen f\u00fcr einen R\u00fcckgang der Bargeldnutzung liegen also in der Verbreitung neuer Technologien und darin, dass H\u00e4ndler und Kunden diese nutzen. Dieser R\u00fcckgang wird jedoch, insbesondere in Mitteleuropa, deutlich l\u00e4nger dauern. Gerade in den deutschsprachigen L\u00e4ndern existiert eine ausgepr\u00e4gte Kultur der Bargeldnutzung. Auch ist ein Standard f\u00fcr das Bezahlen mit Smartphones bis heute nicht in Sicht. Wir werden also noch viele Jahre lang auf Bargeld zur\u00fcckgreifen. Fazit: Weder ist eine \u201eAbschaffung\u201c des Bargelds erkennbar, noch haben sich geheime M\u00e4chte verschworen, uns das Bargeld wegzunehmen, wie es uns einige Schwarzmaler glauben machen wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Regierung (ersatzweise die EZB, \u201edie Banken\u201c oder schwarze M\u00e4chte) will das Bargeld abschaffen! Dieser Panikruf schallt durch Talk-Shows und Gazetten. Demnach gibt es demn\u00e4chst keine Banknoten und M\u00fcnzen mehr, sondern nur noch Karten und\/oder digitale Endger\u00e4te, mit denen wir alles (!) bezahlen werden. 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