{"id":8319,"date":"2017-08-04T15:04:13","date_gmt":"2017-08-04T14:04:13","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.frankfurt-school.de\/?p=8319"},"modified":"2019-02-20T16:10:15","modified_gmt":"2019-02-20T15:10:15","slug":"fintechs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.frankfurt-school.de\/de\/fintechs\/","title":{"rendered":"Wer k\u00fcmmert sich um das Risikomanagement bei Fintech-Startups?"},"content":{"rendered":"<p>Bei Diskussionen um Fintech-Startups geht es fast ausschlie\u00dflich um deren disruptives Potenzial und die Geschwindigkeit, mit der sie Marktanteile erobern. Einige Experten sorgen sich um die regulatorischen Grauzonen, in denen Fintechs oft agieren \u2013 aber \u00fcber die Ausgestaltung von Risikomanagement werden interessanterweise nicht viele Worte verloren. Warum eigentlich? Jeder Wagniskapitalgeber wei\u00df, dass sein Einsatz von immensen Risiken begleitet ist.<\/p>\n<p>Je nach Strategie und Gesch\u00e4ftsmodell unterscheiden sich FinTechs<sup><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><u><span style=\"color: #0066cc; font-size: small;\">[1]<\/span><\/u><\/a><\/sup> dabei nicht grunds\u00e4tzlich von konventionellen Finanzdienstleistungsunternehmen (FDLs) was die Art ihrer Risiken angeht. Wenn man nun davon ausgeht, dass Eigent\u00fcmer, Aufsichtsr\u00e4te und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer dieser Unternehmen ein vitales Interesse an den ihr Gesch\u00e4ft betreffenden Risiken haben und daran, dass ein angemessenes Risikomanagement stattfindet, sollte das Thema Risikomanagement in keiner Sitzung dieser Stakeholder fehlen &#8211; ebenso wie dies bei anderen Unternehmen der Fall ist. Dies liegt auf der Hand, da das Risikomanagement entscheidend zur stabilen Entwicklung und zur Vermeidung teurer Fehler (Risikoereignisse) beitr\u00e4gt, mithin also \u00fcber das Wohl eines Unternehmens zumindest mit entscheidet. Der oft gew\u00e4hlte Ansatz, zun\u00e4chst das Gesch\u00e4ft zu entwickeln und dann, wenn die Kassenlage dies zul\u00e4sst, in \u201en\u00fctzliche, aber nicht notwendige\u201c Dinge wie Risikomanagement (auch Qualit\u00e4tskontrolle, Innenrevision und dergleichen mehr) zu investieren, ist unter dieser Pr\u00e4misse nicht haltbar. Gerade weil in der Start-up-Phase eines Unternehmens besonders wesentliche Risiken vorliegen.<\/p>\n<h2><strong>Erfahrungen aus dem Risikomanagement der FDLs nutzen <\/strong><\/h2>\n<p>Warum also nicht die Erfahrungen aus dem konventionellen Finanzgesch\u00e4ft nutzen und mit den entsprechenden Anpassungen auch in Fintech-Start-ups effektive Risikomanagementsysteme etablieren? Nat\u00fcrlich m\u00fcssen hierbei \u2013 im Vergleich zu den \u00fcblichen L\u00f6sungen bei konventionellen FDLs \u2013 Anpassungen vorgenommen werden, um die unbedingte Anforderung des Risikomanagementsystems zu gew\u00e4hrleisten. Aber das trifft ja auch schon innerhalb der konventionellen FDLs zu, deren Gesch\u00e4ftsmodelle (und damit die Anforderungen an das jeweils am besten geeignete Risikomanagementsystem) stark voneinander abweichen.<\/p>\n<p>An erster Stelle steht ein umfassendes Risiko-Assessment zur Bestimmung aller f\u00fcr das Fintech-Unternehmen wesentlichen Risiken. Die \u201e\u00fcblichen Verd\u00e4chtigen\u201c bei FDLs, die auch bei den Fintech-Startups untersucht werden m\u00fcssen, sind Kreditrisiken, Zins- und Fremdw\u00e4hrungsrisiken, Gegenparteirisiken und Operationelle Risiken inklusive den Risiken aus dem Bereich Informationssicherheit. Daneben sollten bei Fintech-Startups folgende f\u00fcr diese besonders relevanten Risiken besondere Ber\u00fccksichtigung finden: Strategisches Risiko, Liquidit\u00e4tsrisiko und spezielle Umst\u00e4nde aus dem Bereich der Operationellen Risiken.<\/p>\n<p>Beginnend beim letzten dieser besonders relevanten Risiken sollte die Anh\u00e4ngigkeit von Schl\u00fcsselpersonen eingehend untersucht werden. Diese m\u00fcssen erkannt und bewertet werden, um die jeweils ad\u00e4quaten Ma\u00dfnahmen zu treffen \u2013 zur Minderung des Ausfallrisikos selbst, und um Vorbereitungen f\u00fcr den m\u00f6glichen Ausfall solcher Schl\u00fcsselpersonen zu treffen.<\/p>\n<p>Da es sich bei Start-ups vorwiegend um junge Unternehmen mit zumeist junger Belegschaft handelt, sind des Weiteren das Prozessrisiko und das Risiko von menschlichen Fehlern hoch einzusch\u00e4tzen. Dies wiederum muss bei der Etablierung interner Kontrollen ber\u00fccksichtigt werden, ohne dabei die f\u00fcr das Unternehmen notwendige Flexibilit\u00e4t \u00fcber Geb\u00fchr einzuschr\u00e4nken. Aber auch der rasche Wandel und die hohe Flexibilit\u00e4t des Unternehmens selbst, die in der Start-up-Phase notwendige Eigenschaften sind, um rasch auf unerwartete Entwicklungen oder spontan auftretendes neue Anforderungen reagieren zu k\u00f6nnen, stellen eine Quelle erh\u00f6hten operationellen Risikos dar. Dies liegt daran, dass der permanente Wandel bei Mitarbeitern zu Verwirrung dar\u00fcber f\u00fchren kann, welche Prozesse wie auszuf\u00fchren sind oder wie sich Zust\u00e4ndigkeiten \u00e4ndern.<\/p>\n<h2><strong>Wichtigkeit von durchdachten IT-Systemen<\/strong><\/h2>\n<p>Noch gr\u00f6\u00dfere Bedeutung haben aber die Risiken aus dem Bereich <a href=\"http:\/\/www.frankfurt-school.de\/de\/ExecutiveEducation\/000000107408CS~\/Informationssicherheit%20und%20IT-Outsourcing%20nach%20MaRisk%20f%C3%BCr%20Banken\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><u><span style=\"color: #0066cc;\">Informationssicherheit<\/span><\/u><\/a>. Der Erfolg des Start-ups h\u00e4ngt ma\u00dfgeblich von der erfolgreichen Entwicklung und dem erfolgreichen Betrieb der IT-Systeme ab. Besondere Risiken ergeben sich daraus, dass junge Entwickler ein schnelles Programmierergebnis oft dem \u00fcberlegten Entwurf vorziehen. Dabei wird jedoch die Notwendigkeit und Effizienz von durchdachten und mit den Produktverantwortlichen abgestimmten Anforderungen (funktionale Spezifikation), von Programmentw\u00fcrfen und IT-Dokumentation ignoriert, was regelm\u00e4\u00dfig zu deutlich h\u00f6herem Entwicklungs- und Wartungsaufwand f\u00fchrt. Es ist ein Missverst\u00e4ndnis zu glauben, dass agile Programmierung den diesbez\u00fcglichen Aufwand \u00fcberfl\u00fcssig macht. Das sich ergebende Risiko ist dann besonders gro\u00df, wenn die Unternehmensleitung entsprechend \u201einfiziert\u201c ist. Nicht jeder talentierte Codierer ist auch gleichzeitig ein guter CTO, CIO oder sogar CEO. Zudem ist Schnelligkeit bei der Codierung nicht immer besser als Qualit\u00e4t, auch wenn f\u00fcr einige Fintech-Modelle die Konkurrenz hoch ist und Marktanteile m\u00f6glichst rasch wachsen sollen. Diese k\u00f6nnen n\u00e4mlich bei Qualit\u00e4tsm\u00e4ngeln auch sehr schnell wieder verloren gehen. Eine regelm\u00e4\u00dfige \u00dcberpr\u00fcfung der IT-Prozesse durch einen erfahrenen IT-Auditor und der Aufbau eines Informationssic<br \/>\nherheits- Managementsytems wie z. B. nach BSI oder ISO sind hier sicher hilfreich, um Fehlentwicklungen von Anfang an zu vermeiden.<\/p>\n<p>Ein weiterer Bereich von gr\u00f6\u00dfter Wichtigkeit f\u00fcr ein Startup-Unternehmen ist dessen Liquidit\u00e4t. Um die Liquidit\u00e4tsrisiken eines Start-ups gut zu managen, sollten die gleichen Elemente eines Systems zum Management von Liquidit\u00e4t wie bei jedem anderen Unternehmen von Anfang an installiert werden: eine \u00dcbersichtstabelle, einschl\u00e4gige Liquidit\u00e4tskennzahlen, ein Liquidit\u00e4tspuffer in Abh\u00e4ngigkeit des jeweiligen Liquidit\u00e4tsrisikos und der Zugang zu alternativen Finanzierungsquellen f\u00fcr den \u201eErnstfall\u201c. Dies mag vielen Start-ups als unn\u00f6tig erscheinen, weil sie f\u00fcr die erste Zeit durch Eigenkapitalgeber bequem ausgestattet wurden. Diese komfortable Situation kann sich jedoch bei \u00c4nderungen der Rahmenbedingungen (pl\u00f6tzlicher wirtschaftlicher Erfolg oder unerwarteter Kostenanstieg aus anderen Gr\u00fcnden) sehr schnell \u00e4ndern. Dann ist die F\u00e4higkeit, Liquidit\u00e4t gut zu steuern, \u00fcberlebenswichtig.<\/p>\n<h2><strong>\u00dcberpr\u00fcfung von Gesch\u00e4ftsprozessen und Gesch\u00e4ftsstrategie <\/strong><\/h2>\n<p>Der letzte Risikobereich, in dem sich Start-ups von etablierten Unternehmen stark unterscheiden, ist der des strategischen Risikos. Anders als bei etablierten Unternehmen ergibt sich bei Start-ups \u00f6fter und schneller die Notwendigkeit, die Gesch\u00e4ftsstrategie zu \u00fcberpr\u00fcfen und gegebenenfalls radikal anzupassen. Nicht, dass etablierte Unternehmen sich hier abwartend zur\u00fccklehnen k\u00f6nnten, aber sie haben je nach finanzieller Stabilit\u00e4t die M\u00f6glichkeit strategische Anpassungen \u00fcber einen langen Zeitraum vorzubereiten, w\u00e4hrend Start-ups sich m\u00f6glicherweise innerhalb von Wochen neu ausrichten m\u00fcssen. Die wesentliche F\u00e4higkeit muss dabei darin liegen, strategische Notwendigkeiten rasch zu identifizieren und radikal umzusetzen \u2013 eine F\u00e4higkeit, die Start-ups und ihr Management normalerweise ohnehin bereits haben. Aber um sicherzugehen, dass entsprechende Risiken identifiziert und bewertet werden und entsprechend zu handeln, ist ein Risikomanagementsystem die richtige Ma\u00dfnahme.<\/p>\n<h2><strong>Bedeutung und Aufgabe des Aufsichtsrats<\/strong><\/h2>\n<p>Wer nun sollte sich darum k\u00fcmmern, das jeweils angemessene <a href=\"http:\/\/www.frankfurt-school.de\/de\/home\/executive-education\/risikomanagement-regulierung-accounting\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><u><span style=\"color: #0066cc;\">Risikomanagement<\/span><\/u><\/a> in einem Start-up aufzubauen? Wie in anderen Unternehmen ist dies die Aufgabe des Aufsichtsrats, der entsprechend von den Eigent\u00fcmern instruiert sein sollte. Denn es ist der Aufsichtsrat, der daf\u00fcr Sorge zu tragen hat, dass das ihm anvertraute Unternehmen die richtigen strategischen Entscheidungen trifft und diese umsetzt. Dazu geh\u00f6rt ein gut funktionierendes Risikomanagement- und Kontrollsystem.<\/p>\n<p>Wann sollte ein Start-up ein Risikomanagement-System aufbauen? Ganz klar in der je nach Entwicklungsstand angemessenen Art und Weise von Anfang an! Von den vielen Start-ups, die versuchen sich zu etablieren und wirtschaftlich erfolgreich zu sein, schaffen dies nur die wenigsten. Bei den meisten bliebt der Erfolg aus, obwohl sie ein \u00fcber ein erfolgversprechendes Gesch\u00e4ftsmodell verf\u00fcgen. Die Antwort auf die Frage, was ein Start-up (oder auch andere Unternehmen) scheitern l\u00e4sst, liegt zu einem gro\u00dfen Teil innerhalb des Risikomanagements \u2013 egal, in welcher Entwicklungsphase das Scheitern eintritt. Manager, Aufsichtsr\u00e4te und Anteilseigner tun also gut daran, an dieser Stelle angemessen zu investieren: Um die Chancen auf Erfolg zu vergr\u00f6\u00dfern und das Start-up zur Profitabilit\u00e4t zu f\u00fchren, bevor das Eigenkapital oder die Geduld der Eigenkapitalgeber aufgebraucht sind. Dies sollte schon dann geschehen, wenn die entsprechenden regulatorischen Anforderungen noch nicht gekl\u00e4rt sind. Denn es geht nicht darum, die Aufsichtsbeh\u00f6rden zufriedenzustellen, sondern m\u00f6glichen Schaden vom Unternehmen fernzuhalten.<\/p>\n<p><em><sup><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><u><span style=\"color: #0066cc; font-size: small;\">[1]<\/span><\/u><\/a><\/sup>Ich verstehe hierunter Firmen, die auf Grundlage neuer Technologien verbesserte Finanzdienstleistungen bereitstellen.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei Diskussionen um Fintech-Startups geht es fast ausschlie\u00dflich um deren disruptives Potenzial und die Geschwindigkeit, mit der sie Marktanteile erobern. Einige Experten sorgen sich um die regulatorischen Grauzonen, in denen Fintechs oft agieren \u2013 aber \u00fcber die Ausgestaltung von Risikomanagement werden interessanterweise nicht viele Worte verloren. Warum eigentlich? 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