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Black Tax - Wie Kultur und Familie wirtschaftliche Entscheidungen in Namibia prägen
Studium / 27. April 2026
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Bachelor in Management, Philosophy and Economics, Class of 2026
Jens Spanheimer studierte im B.Sc. Management, Philosophy and Economics (Class of 2026). Im Rahmen seiner Bachelorarbeit im Bereich Behavioural Economics untersuchte er Risikoverhalten im postkolonialen Kontext. Neben seinem Studium engagierte er sich im Rahmen eines Freiwilligendienstes beim Roten Kreuz in Namibia und sammelte praktische Erfahrungen in Consulting und Development Finance.

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Warum gehen Menschen Risiken ein und warum sind einige deutlich risikobereiter als andere? Neben vielen anderen Faktoren spielt auch das emotionale und kulturelle Umfeld eine entscheidende Rolle. Im Rahmen meiner Bachelorarbeit habe ich mich mit genau diesem Thema auseinandergesetzt, allerdings mit einem spezifischen Fokus, der bislang eher wenig Beachtung findet: familiäre Erwartungen im post-kolonialen Kontext. Unter der Betreuung von Prof. Dr. Marcus Giamattai und mit finanzieller Unterstützung  durch das Reinhard-Selten-Stipendiums der Gesellschaft für experimentelle Wirtschaftsforschung konnte ich dafür ein Experiment in Namibia, im südlichen Afrika, durchführen. Im Zentrum stand dabei die sogenannte Black Tax, die heute eine wichtige Rolle innerhalb der schwarzen Bevölkerung spielt.

Kulturell verwurzelte Erwartungen werden zur Black Tax

Namibia gehört nach gängigen Maßstäben zu den ungleichsten Ländern der Welt . Ein Grund dafür liegt in der bewegten Geschichte des Landes, die den Rahmen dieses Beitrags jedoch sprengen würde. Der aktuelle Stand lässt sich wie folgt zusammenfassen: Nach der lang und hart erkämpften Unabhängigkeit im Jahr 1990 hat inzwischen die erste Generation der sogenannten Freeborns Fuß auf dem Arbeitsmarkt gefasst.

Black Tax beschriebt eine weitverbreitete kulturelle Norm beziehungsweise Erwartung. Die oft in Städten lebenden, fest angestellten Familienmitglieder geben einen erheblichen Teil ihres Gehalts an die restliche Familie weiter. Die Hintergründe sind bislang nur teilweise erforscht. Einige Erklärungsansätze beziehen sich auf Ubuntu, eine Art Lebensphilosophie, die sich mit der Maxime „ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen“ umschreiben lässt. Neben diesem Gemeinschaftsgedanke spielen auch die Einforderungen an Dankbarkeit und Rückzahlung für die erhaltene Erziehung beziehungsweise Bildung eine Rolle.

Digitale Ballons als Proxy für Risikobereitschaft

Für die Studie nahmen 152 Teilnehmende in der Küstenstadt Swakopmund an einer leicht abgewandelten Form der Ballon Analogue Risk Task (BART) teil. Dabei wird ein digitaler Ballon schrittweise „aufgepustet“. Mit jedem weiteren Klick, der einen Atemzug simuliert, verdienen die Teilnehmenden reales Geld, das jederzeit gesichert werden kann. Platzt der Ballon vor dem Sichern, geht das erspielte Geld verloren. Die Wahrscheinlichkeit des Platzens steigt mit jedem Klick und es werden insgesamt 20 Ballonrunden gespielt.

Die durchschnittliche Anzahl der Klicks bis zur Sicherung dient als Maß für die Risikobereitschaft. Je höher der Wert, desto größer die Neigung zum Risiko. Der Test hat sich insbesondere in Studien mit Teilnehmenden mit niedrigerem Bildungsniveau bewährt.

Die Stichprobe ließ sich annähernd gleichmäßig in zwei Untergruppen einteilen: Personen mit und ohne Black Tax Erfahrung. Es wurden mehrheitlich Frauen befragt und fast alle Teilnehmenden identifizierten sich als Teil von Bevölkerungsgruppen, die unter dem südafrikanischen Apartheid-Regime als „Black“ klassifiziert wurden und damit historisch benachteiligt waren.

Black Tax Erfahrung korreliert mit Risikoaversion

Ein Vergleich der durchschnittlichen Klickzahlen vor der Sicherung zeigt eine deutlich höhere Risikobereitschaft in der Gruppe ohne Black Tax Erfahrung. Diese Ergebnisse wurden mit Hilfe einer mehrfachen linearen Regression weiter untersucht. Dabei bildete die Anzahl der Klicks die abhängige Variable und wurde auf Korrelation mit verschiedenen unabhängigen Variablen überprüft. Neben der Erfahrung mit Black Tax wurden auch die potenziellen Faktoren Geschlecht, Alter, Bildungsgrad, Beschäftigungsverhältnis und ethnische Zugehörigkeit berücksichtigt.

Es zeigt sich eine statistisch signifikante Korrelation (p-Wert < 0,05) zwischen Risikobereitschaft und der Erfahrung mit Black Tax. Die Black Tax-Erfahrungen reduzieren die durchschnittliche Klickzahl um 1,05. Bei einem Gesamtdurchschnitt von 5,4 Klicks stellt diese eine substanzielle Veränderung dar. Die Ergebnisse halten auch verschiedenen Robustheitskontrollen stand.

Ungleichheit lässt sich nicht einfach abschaffen

Zwar beschränken sich die Beobachtungen auf ein relativ kleines Feld und sind geografisch sehr auf die Stadt Swakopmund begrenzt, aber sie sind erste empirische Evidenz für den Einfluss auf Risikoverhalten, welche durch weitere Untersuchungen, gegebenenfalls mit weiterfassenden Gruppen an Teilnehmenden, validiert werden kann.

Dennoch zeigt sich eine wichtige Tendenz: Personen, die einen erheblichen Teil ihres Einkommens als Black Tax an ihre Familie abgeben, verhalten sich risikoaverser. Gesamtgesellschaftlich kann dies eine weitere Hürde für Vermögensaufbau dieser Gruppe darstellen. Gleichzeitig wird deutlich, wie komplex das Problem der sozialen Ungleichheit ist. sind Die starke Abhängigkeit vieler Menschen von familiärer Unterstützung zeigt, dass nicht nur historische Ungerechtigkeiten berücksichtigt werden müssen, sondern auch gegenwärtige soziale Strukturen.

Mir persönlich hat das Projekt enorm viel Spaß bereitet, da es sich mit Themen der Verhaltensökonomie beschäftigt, die Analyse aber eng mit Feldern wie Geschichte und Soziologie verzahnt ist.

 

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