Der Markt für digitale Vermögenswerte befindet sich in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Das Wachstum wird zunehmend durch von der breiten Nutzung von Stablecoins getragen und nicht mehr von den spekulativen Zyklen, die traditionell mit Krypto-Token verbunden sind. Laut dem Datenanbieter Artemis Analytics stieg das gesamte Transaktionsvolumen von Stablecoins im Jahr 2025 um 72 % auf 33 Billionen US-Dollar. Stablecoins, die im Grunde tokenisierte konventionelle Fiat-Währungen darstellen, werden heute hauptsächlich in Form digitaler US-Dollar verwendet. Sie werden als Token dargestellt, die auf einem erlaubnisfreien verteilten Ledger – üblicherweise als Blockchain bezeichnet – gespeichert sind. Es handelt sich um dieselbe Infrastruktur, auf der auch bekannte native Krypto-Token wie Ether oder Solana laufen.
Während Marktteilnehmer zwischen „Krypto“ und „tokenisierter Finanzwirtschaft“ unterscheiden, bleibt die zugrunde liegende Technologie identisch. Folglich werden die Methoden, das technische Know-how und die spezialisierten Werkzeuge, die im Kryptowährungssektor entwickelt wurden, inzwischen direkt auf Stablecoins und zunehmend auch auf eine breitere Palette tokenisierter Finanzinstrumente angewendet.
Dieser technologische Wandel wird von führenden Persönlichkeiten der globalen Finanzindustrie vorangetrieben. Dazu gehört auch Larry Fink, CEO von BlackRock, der diese Entwicklung konsequent als grundlegende Verbesserung der Marktinfrastruktur bezeichnet und erklärt:
„Wir glauben, dass die nächste Generation der Märkte und Wertpapiere in der Tokenisierung von Finanzvermögen bestehen wird.“
Eine ähnliche Einschätzung wurde auf dem Weltwirtschaftsforum 2026 in Davos geäußert, als UBS-CEO Sergio Ermotti mit dieser Aussage große Aufmerksamkeit erregte:
„Blockchain ist die Zukunft des traditionellen Bankings … wir werden eine Konvergenz zwischen den beiden Systemen erleben.“
Parallel dazu entwickelt die New York Stock Exchange eine rund um die Uhr verfügbare, Blockchain-basierte Plattform für Aktien und ETFs, um eine sofortige Abwicklung und Liquidität außerhalb der klassischen Banköffnungszeiten zu ermöglichen. Gleichzeitig integrieren europäische Anbieter wie Bitpanda zunehmend traditionelle Wertpapiere und führen damit die Sektoren VASP und TradFi weiter zusammen.
Was wir derzeit beobachten, ist die Annäherung der traditionellen Finanzindustrie – insbesondere von Banken und klassischen Vermögensverwaltern – an sogenannte Virtual Asset Service Provider (VASPs). VASPs wurden ursprünglich dafür geschaffen, den Austausch von Werten direkt auf der Blockchain zu ermöglichen, sei es in Form von Krypto-Assets, Stablecoins oder tokenisierten Finanzinstrumenten. Der gemeinsame Nenner bleibt dabei der tokenisierte Asset, das auf einem verteilten Ledger gespeichert ist – in den meisten Fällen auf einer öffentlichen Blockchain.
Während traditionelle Institutionen noch damit beschäftigt sind, diese Infrastruktur in bestehende regulatorische Rahmenwerke zu integrieren, bauen VASPs ihre operative Resilienz schnell aus, um institutionelle Standards bei Compliance, Sicherheit und Nachsorge zu erfüllen.
Beide Seiten erkennen inzwischen, dass dieser Entwicklungspfad nicht mehr optional ist. Die Effizienzgewinne und erweiterten Marktzugänge machen den Übergang unausweichlich.
Unabhängig davon, welche spezifische Strategie ein Institut im Bereich digitaler Vermögenswerte verfolgt, werden Banken und traditionelle Vermögensverwalter zwangsläufig mit dieser Entwicklung konfrontiert werden, da Kunden zunehmend mit On-Chain-Vermögen interagieren. Onboarding-Prozesse – einschließlich Anti-Geldwäsche-Prüfungen (AML) und Nachweisen zur Herkunft des Vermögens (Source of Wealth, SoW) – müssen daher angepasst werden, um die Herkunft dieser Mittel verifizieren zu können.
Derzeit greifen zukunftsorientierte Institutionen auf eine wachsende Zahl von Blockchain-Analyseanbietern zurück, um automatisierte Kontrollen durchzuführen. Dabei ist jedoch wichtig zu verstehen, dass sich diese Anbieter hinsichtlich Datenumfang, angewandter Methoden und angebotener Funktionen erheblich unterscheiden.
Im spezialisierten Bereich von Ermittlungen und Recovery-Prozessen – also wenn Vermögenswerte kompromittiert oder entwendet wurden – hat sich bereits ein Marktstandard etabliert: Es werden mindestens zwei, häufig sogar drei verschiedene Anbieter parallel genutzt, um Ergebnisse gegenzuprüfen und zu ergänzen.
Zudem dürfen automatisierte Risikobewertungen nicht als „Black Box“ funktionieren. Damit Beweise vor Gericht Bestand haben, müssen sie klar erklär- und überprüfbar sein und der Entscheidungsprozess muss gründlich dokumentiert werden. Analog dazu entwickelt sich Compliance zunehmend zu einem robusten risikobasierten Ansatz, bei dem gegenüber Regulatoren nachgewiesen werden muss, dass ein Institut das maximal Mögliche getan hat – nicht nur das Minimum.
Im Einklang mit dieser Entwicklung ist zu erwarten, dass EU-Regulatoren im Laufe des Jahres 2026 verstärkt den Rechtsrahmen der Markets in Crypto-Assets Regulation (MiCA) nutzen werden, um VASPs an operative Standards zu binden, die bislang vor allem für Tier-1-Finanzinstitute galten. Die Schweizer FINMA, die deutsche BaFin und die österreichische FMA definieren derzeit proaktiv institutionelle Sicherheits- und Assurance-Standards durch direkten Austausch mit der Branche.
Mit der zunehmenden Durchsetzung der MiCA-Regulierung werden Institute, die bereits digitale Vermögenswerte verwalten, ihre Risikomanagement-Protokolle deutlich verschärfen müssen. In den USA gewinnt dieser Trend bereits an Dynamik: Eine bekannte Kryptobörse hat ein neuartiges Incident-Response- und Aftercare-Protokoll eingeführt, das den Resilienzstandards traditioneller Banken nachempfunden ist.
Sobald Banken und Vermögensverwalter die notwendige Infrastruktur geschaffen haben, um Vermögen mit Ursprung in digitalen Assets zu integrieren, wird auch die nahtlose Einbindung tokenisierter Ein- und Auszahlungen unvermeidlich sein. Damit werden robuste Incident-Response- und Aftercare-Fähigkeiten im Bereich digitaler Vermögenswerte von einer Nischenanforderung zu einem grundlegenden Branchenstandard für den gesamten TradFi-Sektor.
An diesem Punkt wird die Konvergenz vollständig sein. Es wird eine vereinte Finanzindustrie entstehen, in der Institute über das gesamte Spektrum der Finanzdienstleistungen hinweg miteinander konkurrieren.
Wie Sergio Ermotti andeutete, müssen Jurisdiktionen und Regulatoren bereits heute handeln, um sich als wettbewerbsfähige Finanzzentren der Zukunft zu positionieren.
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