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Energiewende? Ja bitte – aber nicht zu teuer!
Executive Education / 23 January 2023
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Referent
Jan G. Andreas ist bekennender Fan der Erneuerbaren Energie und verfolgt den Markt intensiv seit mehr als 15 Jahren als Berater, Entwickler, Finanzierer und Dozent. Aktuell ist er Senior Portfoliomanager bei der KfW Entwicklungsbank und treibt die Energiewende im globalen Süden voran.

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Seit über 15 Jahren bin ich Teil der Erneuerbaren-Energie-Branche, und selten habe ich ein so dynamisches Jahr wie 2022 erlebt mit Blick auf die Rahmenbedingungen dieser Branche. War der Treiber für den Ausbau der Erneuerbaren bisher im Wesentlichen die notwendige Begrenzung des Klimawandels, wurde allen in diesem Jahr ganz deutlich und schmerzhaft bewusst, wofür die Erneuerbaren auch stehen: die Energieunabhängigkeit.

Mit Blick auf die nach der Coronapandemie wieder steil steigenden weltweiten Emissionen und die berechtigte Sorge, dass es zu Energieengpässen kommen kann, müssten alle Lichter auf „grün“ geschaltet sein für den Ausbau der Erneuerbaren. Doch weit gefehlt, und das hat mehrere Gründe.

Inflation und steigende Zinsen als Hemmnis für Investitionen in Erneuerbare Energien

Auch die Erneuerbare-Energie-Branche kann sich den steigenden Kosten entlang der Wertschöpfungskette nicht entziehen. Kannten die Stromgestehungskosten von Solar- und Windparks nur eine Richtung – von Jahr zu Jahr günstiger zu werden – schlägt das Pendel plötzlich zur anderen Seite aus. Die Stromgestehungskosten steigen zum ersten Mal in ihrer Geschichte und befinden sich mittlerweile wieder auf Niveau des Jahres 2019. Parallel zu den steigenden Materialkosten führen vor allem die steigenden Zinskosten dazu, dass viele Projekte keine ausreichende Rentabilität mehr erreichen können und Investitionen verschoben werden.

Ausschreibungen zum wiederholten Male unterzeichnet

Ganz deutlich zeigen sich diese Auswirkungen auch bei den Ergebnissen der Wind- und Solar-Ausschreibungen in Deutschland in 2022. Waren die Ausschreibungen in der Vergangenheit oft überzeichnet, laufen sie nun vermehrt ins Leere und bleiben zum wiederholten Male unterzeichnet. Ein dynamischer Ausbau der Erneuerbaren Energie in Deutschland ist mit den aktuellen Bedingungen der Ausschreibungen so nicht zu erreichen. Die Chance, mit der EEG-Novelle 2023 die richtigen Preissignale zu setzen, wurde vertan. Es bleibt nur zu hoffen, dass der Gesetzesgeber die Misere noch erkennt und zielgerichtet nachsteuert.

Rückwirkende Eingriffe jetzt auch in Deutschland

Die Erfahrungen aus Spanien, Italien und anderen Märkten in Europa und weltweit haben gezeigt, zu welch großer Investitionsunsicherheit und Ausbremsen des Sektors es führt, wenn die Politik rückwirkend in die Förderung der Erneuerbaren Energien eingreift. Dass so etwas jetzt auch in Deutschland passiert, war immer nur ein fernes Worst Case Szenario, das jetzt faktisch eingetreten ist. Mit der rückwirkenden Abschöpfung von „Zufallsgewinnen“ der Erneuerbaren, welche in diesem Jahr durch die Zusatzerlöse der hohen Marktwerte erzielt wurden, macht der Gesetzesgeber die Erneuerbaren zum Sündenbock des strukturell veralteten Strommarktdesigns, bei dem das teuerste Kraftwerk den Strompreis für alle definiert. Und ja, die Betreiber von Wind- und Solarparks haben 2022 gut verdient, eine dauerhafte Überförderung ist hier allerdings nicht zu erwarten. Die Diskussion um eine Überförderung der Erneuerbaren gab es übrigens bereits schon mal vor über zehn Jahren. Mit dem Ergebnis einer Vollausbremsung der gesamten Branche, von der sie sich bis heute in Deutschland kaum erholt hat.

Die COP zieht nicht mehr

Und auch die Weltgemeinschaft sendet die falschen Signale für den notwendigen, dynamischen Ausbau der Erneuerbaren. Nach der üblichen Verlängerung der 27th Conference of Parties (COP 27) in Ägypten wurde nach zähem Ringen eine Abschlusserklärung „Sharm-el-Sheikh Implementation Plan“ unterzeichnet, welcher kaum konkrete Beschlüsse enthält, sondern die zentralen Handlungsfelder auf künftige COPs verschiebt. Mit Blick auf Klimaschutzambitionen stellt sie lediglich eine mühsame Bestätigung der Beschlüsse der COP 26 in Glasgow dar. Eine angestrebte Umsetzungsbeschleunigung blieb somit aus, und es mehren sich die Fragen, ob das Konstrukt COP dauerhaft seine Daseinsberechtigung haben wird.

Jetzt muss es der Privatsektor richten

Wenn die Politik versagt, dann muss es halt der Privatsektor richten. Er muss zeigen, dass die Erneuerbaren schon heute eine wirtschaftliche Alternative der Energieversorgung sind. Was international bereits etabliert ist, wächst nun auch in Deutschland dynamisch: der Verkauf von Erneuerbare-Energie-Strom über Stromkaufverträge (sogenannte Power Purchase Agreements, PPA) direkt an den Endverbraucher. Industrielle Großabnehmer profitieren hierdurch von einer verlässlichen, preisstabilen Stromversorgung und können beweisen, dass die Erneuerbaren Energien nicht nur preiswerter sind, sondern auch für eine sichere Energieversorgung stehen.

Der berufsbegleitende Zertifikatsstudiengang Renewable Energy Finance Professional verschafft einen grundlegenden Einblick in diesen dynamischen Markt. Die Teilnehmenden lernen die Herausforderungen bei der Projektentwicklung und bewerten Wind- und Solarprojekte. Mithilfe von praxisnahen Finanzmodellen werden Finanzierungslösungen entwickelt und rechtliche Fallstricke herausgearbeitet. Mit dem Zertifikat zeigen die Teilnehmenden, dass sie über das Grundlagenwissen verfügen, um diese wichtige Zukunftsbranche aktiv mitzugestalten.

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