FRANKFURT SCHOOL

BLOG

Die Auswirkungen der Coronakrise auf Blockchain-Ökosysteme
Finance / 25. März 2020
  • Teilen

  • 1611

  • 0

  • Drucken
Leiter des Frankfurt School Blockchain Centers
Prof. Dr. Philipp Sandner leitet das Frankfurt School Blockchain Center, welches im Februar 2017 initiiert wurde. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) führte ihn 2018 als einen der „Top 30“ Ökonomen Deutschlands auf. Weiterhin gehört er laut Capital Magazin zu den „Top 40 unter 40“. Zu seinen Themengebieten gehören Blockchain, Crypto Assets, Distributed Ledger Technology (DLT), Euro-on-Ledger, Initial Coin Offerings (ICOs), Security Tokens (STOs), Digitalisierung und Entrepreneurship.

Autorenprofil

Mehr Blog Posts
Haben Sie bereits die regulatorische Aufmerksamkeit für Sustainable Finance gespürt?
Banken 2020: Zerrissen zwischen Tradition und Hightech
Sentimentgestützte Prognosen

Die Coronavirus-Krise macht auch vor dem Kryptomarkt nicht halt. Im vorliegenden kurzen Beitrag soll es um Gedanken über die Auswirkungen des Coronavirus auf den Blockchain-Sektor – einschließlich Start-ups, Unternehmen und Bitcoin – gehen. Der nachstehend umrissene Kerngedanke ist, dass etablierte Start-ups – also diejenigen, die eine gewisse Sichtbarkeit und B2B-Kontakte zu verzeichnen haben – jetzt auf diesen Kontakten aufbauen können, weil nach ersten Treffen oder Workshops ein anfängliches Vertrauen vorhanden ist. Die soziale Distanzierung wird nun dazu führen, dass neu gegründete Start-ups oder ausländische Start-ups kaum noch eine Chance haben, sich den lokalen Markt zu erschließen. Da sich Menschen nicht mehr physisch treffen können (keine Meetings, keine Workshops, keine Meetups, keine Konferenzen), kann dieses anfängliche Vertrauen untereinander nicht geschaffen werden. Somit haben etablierte Start-ups die Chance, auf bestehenden Beziehungen aufzubauen und möglicherweise zu wachsen – vorausgesetzt, sie kommen ein paar Monate ohne Finanzierung über die Runden. Bereits aufgebaute persönliche Beziehungen zwischen Geschäftspartnern fungieren nun als „Vertrauenshürde“, die Neueinsteiger nicht überwinden können.

Blockchain Start-ups: Coronakrise bringt Gefahren mit sich

Blockchain Start-ups stehen in der derzeitigen Situation allgemein vor Herausforderungen. Finanzierungsrunden gestalten sich schwierig oder werden gar unmöglich. Das Budget größerer Unternehmen wird zunehmend eingefroren. Insbesondere Start-ups im B2B-Bereich werden sich mit Vertriebsaktivitäten schwer tun. Die für Start-ups entscheidenden Veranstaltungen und Konferenzen werden auf Monate hinaus ausfallen. Konferenzen spielen für Start-ups eine wesentliche Rolle – dort können sie ihre Arbeit präsentieren und wichtige Kontakte knüpfen. Diese Möglichkeit haben sie in dieser Form derzeit nicht. Allerdings sind die Aussichten von Fall zu Fall unterschiedlich: Für Start-ups im Bereich der Kryptowährungen wird es wahrscheinlich leichter sein, Geschäfte zu machen als für diejenigen im Bereich der Unternehmens-DLT.

Ein Blockchain Start-up wird es momentan schwer haben, einen Prototyp an einen großen Konzern zu verkaufen. Größere Unternehmen (d.h. Kooperationspartner, Kunden und PoC-Partner) werden ihr Pulver fürs Erste trocken halten und ihre Prioritäten rigoros ändern. Sie stellen alles zurück, was nicht unbedingt getan werden muss. Innovations- und Orchideenprojekte wie Prototypentwicklung könnten gestoppt oder auf die lange Bank geschoben werden. Vor diesem Hintergrund ist es also kein Wunder, dass Start-ups schwierigen Zeiten entgegensehen. Doch muss unbedingt angemerkt werden, dass es nicht alle Start-ups schwer haben werden – daher sind die Blockchain Start-ups im Folgenden in zwei Segmente aufgeteilt.

Sehr junge Start-ups: Harte Zeiten in der Krise

Hierbei handelt es sich um Neugründungen, die erst ein paar Monate alt oder noch nicht etabliert sind. Auch Start-ups, die bisher keine nennenswerte Sichtbarkeit erreicht oder keine Investoren gewonnen haben, gehören zu diesem Segment. Meines Erachtens steht der Großteil dieser Start-ups in der Frühphase vor unüberwindbaren Hürden. In den nächsten Monaten werden sie wirklich einen aussichtlosen Kampf gegen Windmühlen führen.

Etablierte Start-ups: Es tun sich sogar Chancen auf

Diese Start-ups bestehen schon seit einiger Zeit und haben sich stellenweise einen Namen gemacht. Sie haben auf Konferenzen oder in diversen Workshops Kontakte geknüpft und konnten in ersten persönlichen Gesprächen Vertrauen aufbauen. Derartige Start-ups werden es viel leichter haben, vielleicht werden sie auch von der Krise profitieren – vorausgesetzt, dass sie einige Monate ohne neue Finanzierung über die Runden kommen. Mehr noch: Für etablierte Start-ups könnten sich sogar einzigartige Chancen auftun.

Der Kerngedanke: Aufgrund der Coronakrise ist weltweit soziale Distanzierung gefordert. Sie wurde innerhalb weniger Tage umgesetzt und führt nun dazu, dass Start-ups, die in ihrem Heimatland noch keine Präsenz haben (z.B. ausländische konkurrierende Start-ups oder neue Wettbewerber), keine Möglichkeit mehr haben, im eigenen Land Fuß zu fassen. Etablierte Start-ups hingegen können ihre bereits vorhandenen Kontakte trotz der räumlichen Distanzierung beispielsweise mittels Video- oder Telefonkonferenzen intensivieren. Es gibt nach wie vor Unternehmen, die Blockchain-Projekte vorantreiben wollen (z.B. kleine profitable Banken, eventuell agile mittelständische Unternehmen). Sie werden mit den ihnen bereits bekannten Start-ups zusammenarbeiten. In diesem Szenario haben neue Start-ups (z.B. Start-ups, die gerade gegründet wurden oder aus dem Ausland auf den lokalen Markt kommen) keine Chance. Insofern kann das Coronavirus für etablierte Start-ups zwar einen erheblichen Stolperstein darstellen, entsprechend kann es für neu eintretende Wettbewerber aber erst recht ein großes Hindernis sein.

Die Auswirkungen der Coronakrise auf Bitcoin und den Kryptomarkt

Es steht bereits fest, dass Bitcoin unbegrenzt und ohne Ausfälle übermittelt werden kann. Selbst während der schrecklichen letzten Tage hat das Bitcoin-Netzwerk zuverlässig alle zehn bis elf Minuten einen neuen Block produziert. Es ist robust. Ich glaube, das wird immer mehr Menschen klar. Vielen geht jetzt ein Licht auf: Das widerstandsfähige Bitcoin-Netzwerk ist nicht zu stoppen, weder von Menschen noch von Institutionen und auch nicht von einem Virus. Dasselbe gilt für andere Kryptowährungen wie Ether. Offensichtlich kam es zur Netzwerküberlastung, und Mängel bei der Skalierbarkeit bleiben. Dennoch haben sich dezentrale Netzwerke wie Bitcoin und Ethereum inzwischen als belastbar erwiesen.

Zudem wird Bitcoin auch als „digitales Gold“ bezeichnet. Der Preisrückgang der vergangenen Woche geht auf einen Angebotsschock zurück, der wiederum durch den Abbau der Verschuldung und natürlich durch Ängste (insbesondere Liquiditätsängste) ausgelöst wurde. Es liegt der Schluss nahe, dass der Preis von Bitcoin nach dem derzeitigen Preisrückgang steigen könnte. Sollte es zu einer Wirtschaftskrise kommen, könnte Bitcoin sich als vorteilhaft erweisen. Dazu müssten sich Investoren allerdings besser mit Bitcoin auskennen. Es wird eine Zeitlang dauern, entsprechende Kenntnisse auf breiter Basis zu vermitteln – momentan stehen alle noch unter Schock. Auf breiter Ebene ist man Bitcoin gegenüber nach wie vor skeptisch. Aber diese Skepsis lässt sich nur überwinden, wenn man sich eingehend mit Bitcoin beschäftigt und dazulernt. Meiner Meinung nach ist dieses Unwissen der Grund dafür, dass der Preis für Bitcoin wie fast jeder andere Vermögenswert gesunken und (noch nicht) gestiegen ist.

Etablierte Unternehmen und Konzerne

Es zeichnet sich bereits ab, dass Unternehmen ihre Prioritäten rigoros ändern. Schon wenige Tage nach dem Ausbruch des Coronavirus in Deutschland sind die Budgets eingefroren. Außerdem müssen die Beschäftigten von Unternehmen erst einmal lernen, digital zu arbeiten. Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten oder ganz ausfallen, müssen Entscheidungs- und Governanceabläufe umstrukturiert werden. Corporate Germany wird nun zu 100 Prozent digital – und muss Lehrgeld zahlen, denn das wird natürlich einige Zeit in Anspruch nehmen und Ressourcen lahmlegen.

Selbstverständlich muss jeder Fall einzeln betrachtet werden, aber im Durchschnitt kann man sagen, dass größere, traditionell ausgerichtete Unternehmen enorme Probleme haben werden, sich umzustellen. Das geht auf Kosten neuer Projekte, die nicht von zentraler Bedeutung sind. Wer flink und agil ist (z.B. kleine Banken, fokussierte Finanzdienstleister und agile Mittelständler) kann die Situation zum Vorteil nutzen. Unternehmen und Organisationen hingegen, die groß und behäbig sind, sowie solche, die äußerst formalistisch agieren (man denke hier nur an vorgelegte Mappen mit ausgedruckten Dokumenten zur Unterschrift), werden sich unter Umständen nur sehr langsam oder auch überhaupt nicht auf die neue Situation einstellen können, mit der wir jetzt ein bis zwei Jahre werden leben müssen.